Sixtinische Kapelle

 

Die brandheiße Klasse der 1000er-Vierzylinder ist zweifellos die prestigeträchtigste – und angeblich auch profitabelste – Kategorie im modernen Motorradbau. Wenn man die Umwegrentabilität über den werblichen Effekt von Sporterfolgen berücksichtigt, so stimmt das ganz sicher.
Nicht umsonst finden hier enormer
 
Fortschritt und unglaubliches Wettrüsten statt: 2004 haben gleich drei der japanischen Hersteller voll aus dem Trog der Performance geschöpft und wollen die mächtige Suzuki GSX-R vom Sockel stoßen. Dabei schwimmt jetzt auch noch ein weiterer Hai im Becken. Ein italienischer. Die seit längerem erwartete MV Agusta F4 1000 S läuft endlich vom Band. Von MV Agusta ist man es durchaus gewohnt, dass von der Vorstellung eines neuen Dreambikes bis zur Serienfertigung einige Zeit verstreicht – die Marke kennt alle Höhen und Tiefen im Motorradgeschäft. Das Erstaunlichste daran ist wohl, dass eine MV während dieser Zeitspanne (in der ein japanisches Supersportmodell einen ganzen Lebenszyklus abspult) nichts von ihrem Status und ihrer Begehrlichkeit einbüßt. Bedenken wir nur, dass wir das Styling der F4 750 jetzt bereits seit 1997 kennen – und noch immer wirkt die Maschine so rassig, so elegant und so leidenschaftlich wie keine andere. MV-Designer Massimo Tamburini (auf dessen Konto auch die legendäre Ducati 916 geht) ist zweifellos der Michelangelo unter den Motorradbauern. Und MV Agusta ist der Ferrari unter den Zweirädern – auch wenn’s Ducati gern wäre. Denn ein Merkmal ist völlig neu an der 1000er-F4: Erstmals ist die Performance einer europäischen Vierzylindermaschine mit jener der leistungsfähigsten japanischen Konkurrenz ihrer Hubraumklasse gleichwertig. Dazu kommen noch Style, Prestige und jede Menge Historie. Der Hai attackiert …
ein äußerlich merkt man an der großen F4 vom Hubraumsprung nichts – außer den kleinen „1000“-Logos an den Rückspiegeln und dem Sitzbankhöcker. MV-Agusta-Boss Claudio Castiglioni verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass ein Porsche 911 auch nach mehr als dreißig Jahren noch immer so aussieht wie ein Porsche 911 und dass diese Marke ihre schlechtesten Zeiten durchstehen musste, als man den 928er einführte. Na dann. Auch die berühmte „Tamburini-Orgel“ – das unverwechselbare Quartett der Schalldämpfer unter dem Bürzel – ist da wie gewohnt. Schwingt man sich in diesen einzigartigen Sattel, dann werden jene Leute einen kleinen Unterschied feststellen können, die eine F4 750 besitzen oder sich zumindest intensiv damit befasst haben: Die hochsportliche Sitzposition ist noch immer radikal, aber nicht mehr ganz so arg radikal. Die Lenkerstummel sind ein bisschen höher und in anderem Winkel angesetzt, beim Einschlagen kann man sich jetzt nicht mehr die Finger einzwicken; der Oberkörper ist nicht mehr so weit vornübergebeugt; auf Schultern und Armen lastet nicht mehr so viel Gewicht. Und die neue Plexischeibe ist etwas größer und hat eine ausgeprägtere Lippe für den Windschutz. So viel zum Komfortaspekt der 1000 S. Die hübsch geformten Rückspiegel sind dafür so zwecklos wie zuvor.
Der große Motor wurde nur um 2,7 Kilo schwerer als jener der 750er-Maschine. Außen baut er auf dem gleichen Gehäuse auf, doch innen sind etwa 70 Prozent der Teile neu. Neben der für Mehrzylindermotoren einzigartigen radialen Ventilanordnung sowie der heftigen Kompression von 13:1 gibt es noch eine weitere Spezialität im MV-Agusta-Triebwerk, die sonst nur in manchen MotoGP-Maschinen, wie etwa der Yamaha M1 (nicht aber in der neuen YZF-R1), zu finden ist: Statt einer Rutschkupplung oder einer gewöhnungsbedürftigen erhöhten Standgasdrehzahl setzt MV auf ein EBS (Electronic Braking System), um beim harten Runterschalten das Hinterradstempeln zu verhindern. Dabei bewertet ein Mikroprozessor die verschiedensten Parameter während des Bremsvorgangs und öffnet dann die Ventile im zweiten Zylinder, um die Motorbremswirkung zu vermindern. Zusätzlich hat das hintere Sachs- Zentralfederbein noch einen intelligenten Mechanismus, der automatisch die Zugstufendämpfung verändert, sobald das Hinterrad den Boden verlassen will. Klingt nett, ist völlig neuartig, und das Ganze funktioniert – nach den ersten Fahreindrücken sogar perfekt. Auch unter härtesten Bremsmanövern kommt es nicht vor, dass das Hinterrad den Kontakt verliert.
Ab 3000 Touren zieht der Vierzylinder mit seinen radial angeordneten Ventilen ohne Stottern und Husten an; bei etwa 13.000 Umdrehungen kommt der sanft eingreifende Drehzahlbegrenzer. Ganz fein ist, dass man für rasante Fortbewegung nicht die letzten
Drehzahlreserven braucht: Schaltet man bereits bei der Nenndrehzahl, schließt der nächste Gang fast genau beim Punkt des maximalen Drehmoments (immerhin 109 Newtonmeter) an und beschert katapultartigen Vorwärtsschub. Mit seiner beherrschbaren Charakteristik ist das Triebwerk nicht nur auf der Rennstrecke – wir durften dankenswerterweise die Pirelli-eigene Testpiste Vizzola Ticino befahren –, sondern auch im bergigen Hinterland von Varese (somit im Alltag auf den Bundesstraßen) äußerst begeisternd. Ein ganz dicker Pluspunkt im Kontrast zur 750er. Das Ende der Kraft? MV-Tester Fabrizio Latini wurde im Hochgeschwindigkeitsoval von Nardo mit 303,31 km/h gemessen, angeblich mit einer aus der Kiste zusammengebauten Serienmaschine.

Beim supersteifen Chrom-Molybdän- Gitterrohrrahmen der bekannten F4 hätte man sowieso nicht geglaubt, dass das Chassis von irgendwelcher Motorleistung überfordert sein könnte. Die 1000 S hat jetzt eine sündhaft hochwertige 50-Millimeter-USDGabel von Marzocchi anstelle der 49er-Showa, was wahrscheinlich in Vorteilen des regionalen Einkaufs begründet ist – der bisherigen Showa konnte man nichts ankreiden. Die tolle Bremsanlage mit den Nissin-Sechskolbenzangen bleibt gleich, sonst gibt es minimale Retuschen: Der (noch immer steile) Lenkkopfwinkel wurde mit 65,5 Grad geringfügig entschärft; der Vorderreifen mit 120/70- Querschnitt entspricht jetzt dem Standard in allen Rennklassen und hat mehr Grip als die 750er-Variante mit 120/65. Das widerstandslose, gleichwohl unerschütterliche Handling der MV Agusta F4 setzt immer noch den Maßstab.
Die F4 1000 S kostet in Österreich 23.850 Euro. So viel Geld spaziert keinesfalls auf der Straße herum, der Preis wird aber jene Enthusiasten, die endlich ein italienisches Vierzylinder-Hyperbike auf absolutem Topniveau fahren (oder besitzen) wollen, kaum abschrecken können. Später im Jahr kommt eine limitierte Tamburini-Version mit längenvariablen Ansaugkanälen und 173 PS Leistung. Über den erwarteten Rennkit für die 1000er weiß man noch nicht viel – die MV-Agusta-Techniker stellen jedenfalls in Aussicht, dass die große F4 im Renntrimm für über 200 PS gut ist.
 
Letzte Aktualisierung am 27.01.2009