il Massimo
Nomen ist manchmal doch Omen:
,,Il Massimo" heisst das Maximum und dem nähert sich Massimo Tamburini an.

Das Maximum für mich? Wenn ich mich nie um das Design hätte kümmern müssen. Das sagt ausgerechnet der Mann , dem die Motorradwelt so betörend schöne Maschinen wie die Ducati 916 oder die MV Agusta F4 verdankt.Massimo Tamburini entwickelte im Laufe von gut 30 Jahren eine ganze Reihe von Zweirädern, die als Meilensteine gelten - auch und gerade in Sachen Styling."Was mir wirklich Spass macht, ist eigentlich Technik", sagt der 60- Jährige mit dem heiseren Timbre in der Stimme. Zahlreiche Patente und Innovationen wie der Perimetrie - Rahmen oder die Boomerang - Schwinge gehen auf sein Konto, dazu 42 komplette Motorräder sowie vier weitere, denen er -ausgerechnet- nur die Optik verpasste. Wie zum Beispiel der Cagiva GP500. "Dass ich auch Design mache, hat sich damals nur nebenher ergeben." Damals, das war 1973, als der gelernte Heizungsfachmann Tamburini in die Firma Bimota, die er mit zwei Teilhabern in seiner Heimatstadt Rimini betrieb, ins Motorradgeschäft brachte.
Und das kam so: Er war mit seiner Honda CB 750 bei ein paar Proberunden in Monza gestürzt, schrieb die Schuld dem Fahrwerk zu und beschloss, dem Problem professionell zu Leibe zu rücken. Schon als Knirps war Tamburini vernarrt in Zweiräder. "Meine Mutter hat immer erzählt, dass ich als Fünfjähriger gebannt vor dem Radio hockte und hingerissen den Übertragungen von den Motorradrennen lauschte." Mit 14 musste der Bauernsohn noch mit einer 125er - Vespa bescheiden, doch später legte er sich eine Guzzi, dann eine MV und schliesslich eine Honda zu, mit denen er die kurvigen Hänge des nahen Apennin unsicher machte. Nun wurde das Hobby zum Beruf, Tamburini belegte spezielle Schweisskurse und machte sich an den Umbau seiner Honda, aber das veränderte Fahrwerk schrie geradezu nach einem neuen Aussehen. Weil die kleine Firma Bimota sich keinen Designer leisten konnte, blieb Tamburini nichts anderes übrig, als das Styling selbst zu übernehmen. Mit durchschlagendem Erfolg.Wie viele Preise Motorräder von seiner Hand über Jahre einheimsten lässt sich nicht mehr zählen. Das Guggenheim-Museum erkor die MV Agusta F4 1998 sogar zum Glanzstück seiner Ausstellung " The Art of Motorcycle" in New York und Bilbao.
Doch der bescheidene Entwickler mag keinen Kult um seine Person: " Von wegen Tamburini hier, Tamburini da. Motorräder entstehen immer im Team. wichtig bin nicht ich als Person, wichtig ist das Resultat unserer Arbeit." Die Gruppe besteht heute aus 37 Leuten und sitzt in San Marino, nur ein paar Kilometer von den Adria-Stränden Riminis entfernt. Unterhalb der Burg, dem Wahrzeichen der ältesten Republik der Welt, steht in Borgo Maggiore das unauffällige Cagiva Research Center (CRC). Dessen Präsident und Haupteigner ist MV-Cagiva- und Husqvarna- Boss Claudio Castiglioni. Eine gut 20 Jahre währende Freundschaft verbindet die beiden höchst unterschiedlichen Männer. Der extrovertierte Castiglioni holte den zurückhaltenden Entwickler 1985, als er gerade den maroden Bologneser Hersteller Ducati übernommen hatte, an seine Seite. Tamburini war 1983 bei Bimota ausgestiegen ,hatte dann für das GP- Team Gallina die Suzuki 500GTA entworfen. Die ersten gemeinsamen Ideen setzte Tamburini 1984 in der rasanten 125er Cagiva Aletta Oro um. Castiglioni war hin und weg, machte ihn zum technischen Direktor einer eigens gegründeten Ducati-Niederlassung in Rimini. Der Konstrukteur dankte es mit der Paso 750, deren Vollverkleidung ungeheures Aufsehen erregte - halb Japan machte sich stehenden Fusses ans Kopieren.
 

 

 Aus heutiger Sicht wirkt die Paso eher wie ein Plastikbomber, der allzu viel von der Ducati Mechanik verbirgt. " Das war eben damals der Zeitgeist", meint Tamburini lachend. " Aber ehrlich gesagt: Was ich gestern gemacht habe interessiert mich heute nicht mehr."
Und so steht im CRC nur ein einziges seiner früheren Werke, nämlich eine Cagiva GP500. Noch nicht einmal eine Ducati 916, Tamburinis berühmteste und erfolgreichste Schöpfung, fand ein Plätzchen. Deren Grundkonzept entwickelte er zusammen mit Castiglioni - und folgte dabei strikt seine Credo von Funktionalität. " Ein Motorrad muss grundsätzlich einfach aufgebaut sein. Und natürlich vor allem seinem Zweck dienen." Der bei einem Supersportler wie der 916 darin besteht, pfeilschnell ums Eck zu biegen. Doch worin liegt nun das Geheimnis des Herrn Tamburini? Wohl darin, dass er und sein Team Design und Technik parallel entwickeln und das ganze Projekt in einer Hand liegt. Wobei der Konstrukteur sogar als sein eigener Tester fungiert. Zwar arbeiten im CRC Testfahrer. "Aber die tendieren dazu, nur auf Schnelligkeit zu achten. Gut und schön, aber bei einem Naked Bike wie die Brutale kommt es auch auf Komfort und Fahrbarkeit an." Und so treibt es Tamburini mehrmals wöchentlich auf den nahen Apennin-Pass Viamaggio, seine bevorzugte Teststrecke. Allein im nasskalten norditalienischen Dezember hat er dort für eine Weiterentwicklung der Feder- und Dämpferelemente der Brutale 3800 Kilometer abgerissen. Wahrlich kein schlechter Schnitt für einen Wintermonat. Immer wieder versuchte die Konkurrenz , mit lockenden Angeboten das Erfolgsduo Castiglioni/Tamburini auseinanderzureisen.

 
 Doch Loyalität gehört zu den dominanten Charakterzügen des Autodidakten,
privat wie beruflich: Er ist seit 43 Jahren , 17 war er damals; glücklich mit der gleichen Frau verheiratet und er bleibt seinem Freund Castiglioni treu. Selbst als der 1996 Ducati verkaufen musste und ihm nur Cagiva und Husqvarna blieben. Im CRC machte man sich ungebrochenen Mutes an die Entwicklung eines sportlichen Vierzylinders für Cagiva - bis Castiglioni überraschend den glorreichen Markennamen MV Agusta an Land zog. " Das änderte alles. Eine MV braucht eine andere Linie als eine Cagiva", erklärt Tamburini. In lediglich neun Monaten schuf er sein neues Meisterstück. " Heute kann ich es ja zugeben: Funktionsfähig war die F4, die dann im September 1997 auf der Messe in Mailand stand, nicht. Um nur ein Detail zu verraten: Der Auspuff war zwar schön lackiert - aber aus Holz. "Für Tamburini schloss sich damit ein Kreis, denn das allererste Motorrad, das er 1971 , noch vor den Bimota - Zeiten, komplett neu aufgebaut hatte, war ebenfalls eine MV. Aus einem schwerfälligen 600er - Vierzylinder - Tourer mit Kardan und gerade mal 50 PS schmiedete er ein Renneisen mit 750 cm3, Kette, sportlichem Fahrwerk, handgeschmiedetem Heck und Tank aus Aluminium. Sogar der Hersteller selbst war beeindruckt, wie ein Testfahrer des Hauses Tamburini später erzählte, ignorierte den "verrückten Installateur aus Rimini" jedoch. Wenige Jahre später war es mit MV dann erst einmal vorbei. Kennzeichnend für Tamburinis Arbeit ist seine Präzision, Schlampereien, sind dem bekennenden Perfektionisten zuwider. Als 1994 die ersten Rahmen für die Serienproduktion der Ducati 916 eintrafen, war er ob deren schlechter Qualität entsetzt - und griff kurzerhand zur Säge. Um zu verhindern, dass der Zulieferer die Rahmen einfach "nachbesserte" und dann erneut ins Werk schickte, sägte er eigenhändig aus jedem ein Stück heraus. Auch seine Mitarbeiter bekommen gelegentlich drastische Massnahmen
zu spüren. Es soll schon vorgekommen sein dass sie ihre gehätschelten Ton - oder Gipsmodelle eines schönen Morgens in kleinen Stücken vorfanden, zerhackt vom Boss persönlich, Tamburinis Art, ihnen zu sagen: noch mal von vorn. "Möglich dass ich da manchmal ganz schön harsch wirke", gibt Tamburini zu. "Aber ich verlange viel von mir selbst und lege diese Massstäbe oft auch an andere an." Derzeit arbeitet der Meister an einer Supermoto. Leicht und komfortabel soll sie sein und, nach seinen Plänen möglichst günstig. "Supermoto - Maschinen, die vom Cross kommen, sind meist zu unhandlich und zu schwer. Meine konstruiere ich vom Fahrverhalten her eher wie eine Art Brutale. Vielleicht kriegen wir dann endlich auch die italienischen Frauen aufs Motorrad. " Dem Maximum des Machbaren wird sein neues Werk bestimmt wieder nahe kommen.


 


Quelle Heft5 Motorrad 2004 von Eva Breutel; Fotos: Giuseppe Gori, Drehsen, Hartmann , Herzog, Jahn, Sdun, Archiv

 

 

Letzte Aktualisierung am 27.01.2009