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Kann die moderne
MV Agusta den Nimbus
des
Rekordweltmeisters
vermitteln? Was
halten Jüngere von
Maschinen aus ihrer
Säuglingszeit? Ist
für einen erfahrenen
MV-Treiber die F4
bloss irgendein
Supersportler mit
traditionsreichem
Tankemblem? Fragen,
die nach
Beantwortung
schreien – hier und
jetzt! |
BEGONNEN HAT ALLES 1949,
als Dr. Pietro Remor von
Gilera zu MV Agusta
wechselte und dort ein
weiteres Mal den von ihm
schon seit den 1920er
Jahren verfochtenen
dohc-Vierzylinder
entwarf, der bis heute
symbolisch für das
erfolgreichste
Rennmotorrad der
Geschichte steht.
Natürlich gehen nicht
alle 3027 Rennsiege und
37 Weltmeistertitel aufs
Konto, denn MV Agusta
siegte mit Ein-, Zwei-,
Drei- und Vierzylindern
in allen Rennklassen.
Doch die Präsenz dieses
Quattro Cilindri
zwischen 1950 und 1966
auf den Rennstrecken und
seine Übernahme in den
Serienmaschinenbau ab
1965 verwoben die Marke
von der Cascina Costa di
Verghera und den
mächtigen Vierzylindern
zu einer Einheit. Die
Dreizylinder und die
ihnen folgenden gänzlich
neuen Vierzylinder, die
bis 1976 weiter
absahnten, konnten
dieses Bild in den
Köpfen der Motorradfans
nicht mehr löschen.
Ebenso wenig wie die
Assoziation mit dem
erfolgreichsten
Rennfahrer aller Zeiten,
Giacomo Agostini, der 15
seiner 17
Weltmeistertitel auf
Maschinen des Comte
Domenico Agusta holte.
Folgerichtig enthüllte
der einst schnellste
Schönling Italiens
unverändert strahlend
und galant unter dem
Applaus der Menge in
Mailand 1997 die MV
Agusta der Neuzeit: die
von Claudio Castiglioni
ins Leben gerufene und
von Massimo Tamburini
atemberaubend gestaltete
750er F4.
Selbstredend in den
einstigen Rennfarben rot
und silber. Ihr folgte
inzwischen die 1000er
Variante, die nun auch
leistungsmässig zur
Oberliga aufschliesst.
Was liegt näher, als
beide
Maschinengenerationen
vergleichen zu lassen –
und zwar von zwei
Fahrergenerationen.
Die 750 S America sieht
nicht nur äusserlich den
Werksrennmaschinen
ähnlich, ihr Motor
stammt tatsächlich mehr
oder weniger von den
Boliden ab, mit denen
Surtees, Hailwood, Ago
und Read die Grand Prix
Rennen in drei
Jahrzehnten dominierten.
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Gerade deshalb, heisst
es, habe Graf Agusta
zunächst bewusst eine
600er Tourenmaschine
gewollt, um deren Käufer
vom Renneinsatz
abzuhalten. Das Aggregat
ist extrem schmal, da
sich hinter den vier
einzelnen Aluzylindern
ein Dynastart befindet.
Also verbreitert keine
Lichtmaschine das Mass
der Kurbelwelle, die
wiederum zerlegbar und
sechsfach rollengelagert
in einem Bankett sitzt,
dass mit dem einteiligen
Motorgehäuse verschraubt
ist. So lässt sich wie
bei den Rennern die
komplette Einheit nach
oben abnehmen. Die zwei
Nockenwellen im
charakteristischen
Zylinderkopf werden über
eine mittige
Zahnradkaskade direkt
von der Kurbelwelle
angetrieben, die über
den Zahnradprimärtrieb
und eine
Mehrscheibenkupplung im
Oelbad auf das
fünfgängige
Kasettengetriebe wirkt.
Alles in allem eine im
Serienmaschinenbau
einmalige Konstruktion,
die mit unerreicht
minimalen Toleranzen
aufgebaut ist. Auch das
Fahrwerk mit stabilem
Doppelschleifenrahmen
war weit oberhalb
damaliger Massstäbe,
denn beispielsweise
suchte man
Kegelrollenlager für
Lenkung und Schwinge bei
anderen Serienmaschinen
vergeblich. Freilich
hatte das alles seinen
Preis, denn für die
erste 750er S wurde mit
13000 D-Mark etwa der
Preis eines BMW 2002 ti
aufgerufen, und die
Nachfolgerin 750 S
America kam dann weit
über 15000 Mark. Sie
wurde 1975 auf Betreiben
zweier US-Amerikanern
geboren, Chris Garville,
Chef des
Hubschrauber-Unternehmens
von MV Agusta in New
York, und dem MV-Tuner
Jim Cotherman. Ihre
Idee, möglichst das
Design der
Werksrennmaschinen zu
übernehmen, wurde sofort
verwirklicht, ebenso wie
eine
Hubraumvergrösserung auf
knapp 790 ccm. Mit
seiner neuen Generation
baute MV Agusta als
erster Hersteller
Maschinen mit Gussrädern
und drei
Scheibenbremsen.
Freilich war in der
Konzernleitung mit
staatlicher Beteiligung
längst das Ende der
Motorradproduktion
beschlossen, und mit
exakt 1279 Exemplaren in
zehn Jahren blieb die
750er Reihe von MV
Agusta eine exklusive
Erscheinung.
Diese Tradition setzt
die 1000er F4 fort, denn
mit knapp 20000 Euro ist
sie nach wie vor nichts
für Billigflieger.
Dennoch: Eine sportliche
BMW Limousine bekommt
man dafür nicht mehr.
Wer deren Gegenwert
einspurig anlegen will,
muss schon die
Sonderedition Tamburini
wählen. Gegenüber der
750er sind beim
Einliter-Motorrad
Bohrung und Hub
vergrössert, die beiden
obenliegenden
Nockenwellen bedienen
unverändert vier Ventile
in Radialanordnung. Das
enorm kompakte Triebwerk
glänzt wie seine
Vorgänger mit einem
Kassettengetriebe und
hängt im für die moderne
MV typischen
Gitterrohrrahmen. Den
federt jetzt aber ein
hydraulisch
verstellbares
Sachs-Federbein hinten,
und der Fahrer greift
neue Lenkerstummel an
der 50er Marzocchi-Gabel.
Tief gebückt geht’s
Richtung
Familien-Treffen, am
frühen Morgen auf der
leeren dreispurigen
Autobahn zeigt der Tacho
die Zahl 275. Es ginge
noch etwas mehr.
Bemerkenswert, dass
schon die 750er fast
doppelt so viel Leistung
hat wie ihre 30 Jahre
ältere Schwester. Noch
deutlicher ist der
Fortschritt beim
Fahrwerk, dabei wiegt
die Neue vollgetankt
sogar noch satte 40 Kilo
weniger. Denn mit deren
260 ist die 750er S
America so weit von
Agostinis Arbeitsgerät
entfernt, wie Pavarotti
von Rossi. Es muss
leider gesagt werden,
die alte zählte schon
damals
zum schweren Gerät.
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Vor der gefrästen
Gabelbrücke sitzt
die elektronische
Informationszentrale
mit dominantem
Drehzahlmesser
Die lackierte
Alugabelbrücke trägt
schlichte
Doppelinstrumente,
der weisse
Drehzahlmesser ist
nicht original.
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PARTICOLARI
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MV 750 S
America
BJ 1977
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MV
Agusta
F4 1000
BJ 2004
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Motor
Vierzylinder-Viertakt
/
dohc-Zweiventiler
789 ccm
(
Bohrung
/ Hub 67
x 56 )
Verdichtung
9,5:1
4 x
Dell’Orto
26-Vergaser
Fünfgang-Kassettengetriebe
/ Kardan
75 PS (
55 kW )
bei
8.500 /
min
69 Nm
bei
8.200 /
min
210 km/h
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Motor
Vierzylinder-Viertakt
/
dohc-Vierventiler
998 ccm
(
Bohrung
/ Hub 76
x 55 )
Verdichtung
12:1
Marelli-Einspritzanlage
(
Ø
46mm )
Sechsgang-Kassettengetriebe
/
Kettenantrieb
166 PS (
122 kW )
bei
11.750 /
min
109 Nm
bei
10.200 /
min
290 km/h
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Fahrwerk
Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Telegabel
35 mm,
Federweg
125 mm
Marzocchi-Federbeine,
Federw.
80 mm
Dreifach
verstellbare
Federbasis
Leichtmetall-Gussräder
Bereifung
vorne
3.50-18,
hinten
3.00-18
Vorne
Doppelscheibenbremse
280 mm
Hinten
Scheibenbremse
225 mm
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Fahrwerk
Stahlgitterrohrrahmen
USD-Telegabel
50 mm,
Federweg
118 mm
Sachs-Monofederbein,
Federweg
120 mm
Hydraulisch
verstellbare
Dämpfungsregelung
Geschmiedete
Leichtmetallräder
Bereifung
vorne
120 /
65-17,
hinten
190 /
50-17
Vorne
Doppelscheibenbremse
310 mm
Hinten
Scheibenbremse
210 mm
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Metrie
Leergewicht
240 kg /
Radstand
1390 mm
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Metrie
Leergewicht
210 kg /
Radstand
1408 mm
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Preis
Anno
1977 –
15.380
DM
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Preis
19.800
EUR
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Zwei Männer und acht
erotische
Auspuffrohre.
Gesprächsthemen für
Nächte voll
italienischen
Rotweins und
betörende Echos in
den Bergen rund um
den Lago Maggiore.
So ging’s letztes
Jahr mit Seesack auf
dem Buckel runter in
den italienischen
Stiefelabsatz und
wieder zurück.
Problemlos für Mann
wie Maschine,
versteht sich. Denn
auf der Alten sitzt
es sich kommod.
Verglichen mit den
modernen
Supersportler. „Da
hätte ich ja vorher
trainieren müssen“,
schaudert der
Langstreckenfahrer
angesichts 810 mm
Sitzhöhe. Das ist
immerhin so viel wie
früher die Enduro
Morini 500 Camel.
Vorderradorientiertes
sitzen nennt sich
das, wenn
Fahrergewicht auf
die Handgelenke
fällt, und das
zelebriert keine so
extrem wie die MV.
Korrekt gefaltet,
lässt es Berthold
dann aber fliegen,
und die vier Rohre
singen ein Lied wie
einst am Ring. „Die
Neue ist die
Kampfsau, die der
Alten unterstellt
wird“, konstatiert
der Kenner
schliesslich
grinsend.
„Unglaublich, was
das Fahrwerk heute
alles wegsteckt und
wie wenig
Geradeauslauf,
Hochgeschwindigkeitsstabilität
und Handlichkeit
Widersprüche sind.
Quelle: ITALOBIKES
Sonderband 13 |
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