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Mit bodenständiger Technik
versuchte die ruhmreiche
Firma aus Gallarate ihre
Rennsiege auch in der
damaligen MITTELKLASSE zu
vermarkten. Grosse
Verkaufserfolge gab es nicht
zu verbuchen. Die Maschinen
waren schon damals recht
teuer.
MV Agusta, das sind
heute super edel
gestylte Traummotorräder
für Leute ohne
vordergründige
Geldsorgen. Das ist
schon lange so. MV
Agusta, das sind auch
mit erlesenen Zutaten
versehene Überbikes für
Technikästheten und
ambitionierte
Sportfahrer. Das
wiederum war nicht immer
so. Zu Zeiten der ersten
grossen MV Agusta -
Rennerfolge, also in den
fünfziger Jahren des
letzten Jahrhunderts,
bestimmten grösstenteils
schlichte
Gebrauchskräder das
Verkaufssortiment der
Marke. Etwa die 7,5 PS
starke 125er "Turismo
Rapido" oder, wenn`s
schon ein bisschen mehr
sein durfte, die in
Italien populären 175er
Modelle. Wer noch mehr
im Portemonnaie hatte,
der wählte die 250er
Raid mit immerhin 14 PS
starkem Motor. Die
Motorräder waren
allesamt nach dem damals
in Italien gängigen
Muster gestrickt. Und
das heisst: Wenig
Materialeinsatz, dafür
elegante Linie. Das
alles suggerierte
Temperament und
Fahrspass.
VOLLES SORTIMENT
Anfang der sechziger
Jahre wollte man bei MV
auch dem Strassenkunden
mehr als nur
Einzylindermotoren
anbieten. Man
experimentierte mit
Zweizylindermotoren,
bevor schliesslich 1966
der erste echte Ableger
weltmeisterlicher
Motortechnik in Gestalt
einer etwas bizarr
anmutenden 600er
Touringmaschine für
Furore sorgte. Immerhin
war das die erste
Strassen-MV mit dem
traumhaft schönen
Vierzylinder-dohc-Motor.
Der sah wirklich aus,
als hätte man ihn direkt
aus, als hätte man ihn
direkt aus einem der
ruhmreichen Werksrenner
herausgeschraubt.
Grandios. Private
Sportumbauten folgten
auf dem Fusse, und erst
1970 schenkte das Werk
den Fans die wundervolle
750S mit rot lackiertem
Doppelschleifen-Rahmen
und markant geformtem
Tank im "Disco
volante-Stil".In dieser
Schaffens-Zwischenphase,
in der die meisten
Motorradanbieter ihr
Augenmerk auf den
amerikanischen Markt
legten, entstanden auch
die 350er
Zweizylindermaschinen.
Sie wurden aus einer
seit 1966 produzierten
250er Version heraus
entwickelt und auf dem
Mailänder Salon 1969
vorstellt. Im Folgejahr
kamen die Maschinen in
den Handel.
Hinreissend die
sportliche 350S, eher
bieder die tourige
GT-Version und rustikal
die speziell für den
Amerika-Markt
konzipierte
Scrambler-Variante. Bis
1974 wurde von der
sportlichen S-Type
insgesamt 4600 Einheiten
hergestellt. Dann folgte
im Zuge der harten
japanischen Konkurrenz
die vom weltbekannten
Designbüro Giugiaro
avantgardistisch
gestaltete 350er
"Ipotesi", erstmals
präsentiert wurde das
Schätzchen auf der IFMA
1974. Damals schon mit
Gussrädern, das war eine
kleine Sensation. Sie
war auch nach Ende der
MV Agusta
Motorradproduktion im
Jahre 1977 noch lange
als Neumaschine im
Handel zu finden. Was
nicht gerade für
reissenden Absatz
spricht. Damit wird die
Entscheidung der ab 1973
unter halbstaatlicher
Führung agierenden Firma
verständlich, sich
vollends auf das
wesentlich
einträglichere Geschäft
mit Hubschraubern zu
konzentrieren. MV Agusta
baute seit den fünfziger
Jahren als Lizenznehmer
den amerikanischen
Bell-Helikopter.
Drehzahlfest In dieser
Klassik-Geschichte sehen
wir uns das Urmodell der
rennsportlichen
Mittel-klasse-MV genauer
an: die 350 S. Mit ihrem
ebenso charakteristisch
wie wohlproportionierten
Motor ist sie noch immer
ein echter Blickfang.
Zunächst könnte man
meinen, es sei ein
Zweitakter. Die stark
verrippten
Zylinderkopfhauben sehen
aus wiedie
Zylinderdeckel eines
typischen
Fünfziger-Jahre-Zweitakters.
Tatsächlich handelt es
sich um einen schlichten
ohv-Twin. Die per
Zahnrad angetriebene
Nockenwelle sitzt hinter
den Zylindern,
Stossstangen und
Kipphebel betätigen die
Ventile. Ein schlichtes
Muster, dass aber zum
einen
wartungsfreundlich, zum
anderen durchaus
drehzahlfest sein kann.
Erinnern wir uns an die
legendäre Honda CX 500
"Güllepumpe". Die konnte
mit ohv-Ventiltrieb
straffrei über 10000/min
gedreht werden. Für die
gut 8500/min, die eine
MV 350 S im Ernstfall
maximal dreht, reicht
diese Technik also
vollauf. Weshalb sollte
man also technische
Kapriolen auffahren?
Fragen Sie die
Marketingleute, dann
wissen Sie, wem wir die
ganzen ebenso
wundersamen wie
überflüssigen Gimmicks
der Neuzeit zu verdanken
haben. Dagegen erstrahlt
die MV 350 S noch im
milden Glanz eines
metallenen,
zweckdienlichen
Apparats. Alle
Funktionen
selbsterklärend. Solide
Schutzbleche aus
Edelstahl serienmässig.
Was man von aussen nicht
sieht, sind die beiden
Kolben des
Knubbel-Motors. Die
laufen zeitgleich auf
und ab. Ein Paralleltwin
also, dessen
Besonderheit das mittige
Kurbelwellenlager ist.
Durchbiegen der Welle
bei hohen Drehzahlen war
damit kein Thema, zum
anderen konnte die Welle
für sportliches angasen
schön leicht gebaut
werden. Über die
Laufkultur wird in
einschlägigen
Testberichten
wohlwollend berichtet.
Da lobt die
Testerlegende Ernst
"Klacks" Leverkus die
günstige Drehzahl bei
6000/min. Hier seien
kaum Vibrationen zu
verspüren. Sollte wohl
heissen, in den anderen
Lagen kribbelt es doch
ein wenig. Als Vibrator
gescholten wurde in
jedem Fall die
nachfolgende "Ipotesi".
Der englische Tester
bemerkte kurz und
trocken: "Schüttelt wie
Hölle." Seine Wurzeln
als typisches
Aufbohraggregat verrät
der Twin durch sein
unterquadratisches
Bohrung- Hubverhältniss.
Der Hub war identisch
mit der ursprünglichen
250er-Version (56mm).
Laut Werk sollte das
Arrangement in der 350er
immerhin für spritzige
29 PS bei 7500/min gut
sein. Bei Händler Moto
Stefano in Balingen
wurde eine 350er S mit
28 PS auf dem Prüfstand
gemessen. Wer sich
anstelle der zwar
imposanten, aber wenig
tauglichen
Serien-Ansaugtrichter
einen Satz
strömungstechnisch
optimierte Trichter
anschraubte, der konnte
bestimmt noch ein paar
Hufschläge extra aus dem
Twin herauslocken. Und
wer dann immer noch
nicht zufrieden gestellt
war, der bekam schon
damals beim Importeur
Schneider in Baden-Baden
einen 400 ccm-Tuningkit.
Verkaufspreis: 500 Mark.
Eine komplette 350er S
kostete 1972 immerhin
3995 Mark. Ebensoviel
war für die
Touring-Version zu
bezahlen. Eine stolze
Summe. Dafür bekam man
auch eine BMW R 60/5.
Somit lässt sich der
bescheidene
Verkaufserfolg der
schnittigen MV "zu
Lebzeiten" erklären. Die
Japaner boten in den
Klassen mit 250 und 350
ccm Hubraum für deutlich
weniger Geld auch
allerhand nettes
Material. Wer damals
eine MV gekauft und
gleich weggepackt hat,
war ein echter
Liebhaber, und in diesem
Fall einer mit
Weitblick. Kann er sich
heute neben der
reizvollen Linienführung
auch noch über eine
recht gute Wertanlage
freuen. Für top
erhaltene MV 350 S
werden respektable
Summen aufgerufen.
Zwischen 5000 und 7000
Euro stehen bei
seltenen, weil
erstklassig
restaurierten oder
erhaltenen Angeboten im
Raum, für ein
abgenudeltes aber
taugliches
Restaurierungsexemplar
ist man immer noch
schnell mal 2000 Euronen
los. Wer damals eine MV
gekauft hatte, war ein
Fan mit Weitblick. Dafür
bekommt man ein
Motorrad, für das
praktisch kein
Ersatzteilservice mehr
besteht. Teile muss man
sich also bei jeder sich
bietenden Gelegenheit
zusammenstoppeln.
Meistens sind das
Gebrauchtbrocken von
zweifelhafter Güte.
Dafür ist es eine
Freude, an der
durchschaubaren,
aufgeräumten Technik zu
schrauben. Der Rahmen
etwa ist ein
Paradebeispiel
effizienter Einfachheit.
Er besteht im
Wesentlichen aus Lenk-
und Oberrohr, dazu ein
Unterzugsrohr zur
Motorabstützung plus
kurzes Querrohr zu den
beiden markanten,
bumerangförmigen
Heckträgern. Die
wiederum sind als
konifizierte und
ovalisierte Halbprofile
recht aufwendig
hergestellt. Ein
Baustil, der typisch ist
für italienische
Motorräder der 50er
Jahre.
Einfach schön,
schön einfach.
Die beiden
Dell`Orto-Vergaser
geben ein
Lehrstück in
Sachen
Gemischaufbereitung.
Aus dem
Schieberdeckel
ragt das
Griffstück für
den
Kaltstartriegel.
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Das Nachfolgemodell, die
Ipotesi, bekam denn auch
einen vermeintlich
moderneren Rahmen aus
Rundrohren verpasst.
Sicher, das war und ist
kein Fahrgestell, um mit
zwei 80 kg schweren
Leuten samt Gepäck auf
Urlaubstour zu gehen.
Aber wie schrieb
Leverkus so schön in
seinem Testbericht:" Ein
grosser Spass auf
kleiner Strecke."
Immerhin lobte er die
exakte Spurhaltung der
trockenen 132 kg
leichten Maschine
ausdrücklich. Und wer
von Natur wegen zu den
eher zierlichen
Jockeynaturen zählt, der
wird an filigraner
Mechanik und
authentischer
Sechziger-Jahre-Rennsport-Sitzhaltung
immer noch seine
diebische Freude haben.
Schwerleibige Kräder für
ebensolche Fahrer gibt
es ja genug.
Sonderklasse
Kenner favorisieren die
Erstserie mit
6-Volt-Lichtanlage und
klassischer
Unterbrecher-Zündanlage.
Ab 1973 wurde die "Elettronica"
angeboten. Zu erkennen
an den wesentlich
grösseren, raumfüllenden
Blechkästen unter den
beiden Bumerang-Bögen.
Dieses Detail
kennzeichnet ein
typisches
Marketing-Update. Gab es
doch jetzt eine
kontaktlose Zündanlage
und einen
leistungsfähigeren
12-Volt-Generator.
Letzteres ist durchaus
sinnvoll, aber der
schwerere Rotor liess
nun die Kurbelzapfen
brechen. Dazu kamen noch
gerissene Zylinderfüsse
oder brechende
Kickstarterwellen. Der
Ruf der 350er MV in der
Szene war summa summarum
sehr durchwachsen. Die
einschlägige
Händlerschaft
kaprizierte sich also
dankend auf die
technisch höchst
anspruchsvollen
Vierzylindermodelle. Die
zahlungskräftige
Kundschaft übrigens
auch. Bei den wenigen
Motorrädern - man
spricht von etwa 400
hierzulande verkauften
Exemplaren - die heute
noch von ihren Besitzern
bewegt werden, kann man
davon ausgehen, dass es
sich um zumeist
"gentechnisch gesundes"
Material handelt. Den
Kauf einer frisch
restaurierten Maschine,
die "noch gar nicht
eingefahren" ist, sollte
man sich indes gut
überlegen. Es sei denn,
der Verkäufer gibt sich
als kulanter Schrauber
der Sonderklasse zu
erkennen. Wer mit 10
Daumen auf die Welt
gekommen ist und meint,
alte Motorräder fahren
zu müssen, sollte sich
ohnehin solche
Zeitgenossen zum Freund
machen. Aber mit
wunderschönen Klassikern
wie der MV 350 S ergeben
sich die sozialen
Kontakte wie von selbst.
Probieren Sie's aus.
Quelle: MO,
Sonderausgabe 8 Text:
Gero von Freyenstein
Fotos: Andreas Illg,
Soppa, Werk
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