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Die
Motorräder
von MV
Agusta.
Von 1943
bis 1949
verschwendete
der
rennbesessene
Conte
Domenico
Agusta
seine
Zeit am
Zweitakter.
Erst mit
der
Verpflichtung
von
Ingegnere
Piero
Remor,
dem
Konstrukteur
der
berühmten
Gilera-Viertakter,
war der
Grundstein
für
38
Weltmeisterschaften
gelegt.
Und für
die MV
von
heute.
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Wer eine
MV
Agusta-Four
startet,
setzt
eine
Maschinerie
von 43
Wälzlagern,
38
Gleitlagern
und 29
Zahnrädern
in Gang
- ein
rares
Vergnügen
in einer
Zeit der
Rationalisierung.
MV
Agusta
setzt
nicht
auf
Einheitsware.
Im
Frühjahr
1976
präsentierte
das Werk
mit den
Modellen
800 S
America,
800 SS
Super
America,
800 SS
Super
Daytona
America
(75-90
PS, alle
789 ccm)
und 900
S Arturo
Magni
Cento
Valli
(105 PS,
892 ccm)
eine
neue
Vierzylinder-Generation,
die
heute
schliesslich
in der
830 SS
Super
Daytona
America
(90 PS,
837
ccm),
der
Corona
1000
(106 PS,
954 ccm)
und der
Grand
Prix
1100
(119 PS,
1066
ccm)
gipfelt.
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All diesen
Maschinen ist
ein neues und
vom Standpunkt
des sportlichen
Fahrens aus
perfektes
Fahrgestell
eigen, das mit
verhältnismässig
geringem Aufwand
sogar von
Kardan- auf
Kettenantrieb
umgestellt
werden kann, und
- noch immer:
der gute alte
Reihenvierzylinder.
Doch der Weg bis
dahin war von
wechselnden
Erfolgen
gezeichnet, und
begonnen hatte
eigentlich alles
erst mit dem
Ingenieur Piero
Remor. Remor
hatte
unmittelbar nach
dem Krieg bei
Gilera den
Wechsel vom
Kompressormotor
zum Sauger
mitgemacht und
zuletzt einen
quergestellten
Halbliter-Reihenvierzylinder
mit zwei
obenliegenden
Nockenwellen
entwickelt. Fast
den gleichen
Motor baute er
nun für MV, die
Meccanica
Verghera S.p.A.
des Grafen
Agusta.
Allerdings trieb
der Vierzylinder
das Hinterrad
der bereits 1950
eingesetzten
ersten
Viertakt-MV
nicht über eine
Kette, sondern
über eine
Kardan-welle an
- ein
ungewöhnliche
Lösung zu jener
Zeit.
auf dem
Bankett
aufgebauter
Rumpfmotor
mit
Getriebe
und
Winkeltrieb
|
Ein
gutes
Jahrzehnt
später
tauchte
der für
Rennzwecke
weniger
geeignete
und bald
durch
eine
Kette
ersetzte
Wellen-antrieb
bei MV
Agusta
wieder
auf.
1962
präsentierte
das
inzwischen
renomierte
Werk
eine 600
ccm
Vierzylinder-Serienmaschine
mit
Kardanantrieb.
Die
600er
war ein
stilistischer
Fehlgriff.
Das
Tourenkonzept
passte
nicht zu
MV,
ausserdem
wurden
die
Ventile
über
Stösselstangen
betätigt.
Doch der
Unterbau
des
Motors
entsprach
weitgehend
dem
Stand
der
MV-Renn-technik:
die
Kurbelwelle
war
nicht
direkt
im
Kurbelgehäuse
gelagert,
sondern
in einem
aufgesetzten
Bankett,
der
Primärantrieb
erfolgte
von
einer
schrägverzahnten
Kurbelwange
aus, und
das
Getriebe
lief
quer zur
Fahrtrichtung
und
nicht
mehr
längs
wie bei
der
ersten
Kardanmaschine.
Der
Antrieb
wurde am
Getriebeausgang
durch
zwei
spiral-verzahnte
Kegelräder
zur
Kardanwelle
hin
umgelenkt.
|
Dies und die
Tatsache, dass
sowohl die
Zylinderabstände
als auch Bauart
und Hub der
Kurbelwelle mit
der gerade im
Einsatz
befindlichen
Halbliter-Renn-maschine
übereinstimmten,
veranlassten
Privatleute
ausserhalb des
Werks zu einer
gekonnten
Transplantation:
Bankett mit
Kurbeltrieb, auf
600 cccm
aufge-bohrte
Zylinder und der
Doppelnockenwellenkopf
der Rennmaschine
wurde dem
Serienmotor
eingepflanzt -
die noch heute
serienmässig
hergestellte
Vierzylinder -MV
war geboren. MV
Agusta zog erst
1966 nach. Das
Werk übernahm
nicht einfach
Rennteile in die
Serie, sondern
konstruierte den
Motor oberhalb
des
Kurbelgehäuses
neu. Der
grundsätzliche
Aufbau und die
äussere Form
wurden jedoch
gewahrt, und so
kam es, dass ein
echter Grand
Prix -
Abkömmling
Eingang in ein
Tourenfahrgestell
fand. Ein
Verkaufsschlager
war aber auch
dieses Modell
nicht. Denn wenn
schon der Motor
konstruktiv und
formal
weitgehend dem
seit 1958 nur
noch dem
hauseigenen
Dreizylinder
geschlagenen
Halbliter-Renn-vierzylinder
entsprach,
befand sicher
nicht nur in
Deutschland die
potenzielle
Kundschaft,
sollten auch
Rahmen, Fahrwerk
und Ausstattung
einen Hauch von
Grand Prix
haben. Trotzdem
zog MV Agusta
erst 1970 mit
der sportlichen
750 S nach. Vom
Typ 750 S mit
736ccm Hubraum
wurden zwischen
1970 und 1975
drei Varianten
mit 66, 72 und
75 PS gebaut.
Sie verkauften
sich gut, obwohl
die Preise, an
der Konkurrenz
gemessen
astronomisch
waren und die
Fahreigen-schaften
noch nicht mit
dem Grand Prix -
Look
harmonierten.
1970 kostete
eine 750 S 13800
Mark, eine Münch
4/1200 TTS 9273
Mark und das
Spitzenmodell
R75/5 von BMW
4996 Mark. Bis
1975 kletterte
der Preis der
750er (Typ 750
SS Super
Daytona) auf
16500 Mark. Das
fünf Jahre lang
nahezu
unverändert
gebaute
Fahrgestell
zeichnete sich
durch guten
Geradeauslauf,
aber durch
mangelhaftes
Handling und
wenig Komfort
aus. Die
Anstösse zu
grösseren
Hubräumen und
zum neuen
Fahrgestell
kamen durchweg
vom Importeur
Hansen in
Baden-Baden, der
dann auch
jeweils ein Jahr
lang das
Exklusivrecht am
jeweiligen Typ
hatte. Für MV
Agusta -
Deutschland trat
1977 trotz
gesteigerter
Produktion und
Abnahmeverpflichtung
erstmals der
glückliche
Umstand ein,
dass die
Nachfrage das
Angebot
überstieg.
Ungeachtet der
Preise zwischen
13900 Mark und
29600 Mark
mussten 1978
über 120
Bestellungen
zurückgewiesen
werden. 60
Maschinen hatte
er verkauft.
Bankett
mit
Lagergasse
und
Steuergehäuse
|
Neunteilige,
sechsfach
gelagerte
Kurbelwelle
|
|
Das
Kernstück
der
MV-Vierzylinder,
ob sie
nun
Rennzwecken
dienten
oder in
gezähmter
Form für
den
Strassen-
verkehr
produziert
werden,
ist das
sogenannte
Bankett.
Als
Bindeglied
zwischen
den
Hauptbaugruppen
Motor
und
Getriebe
ist es
Kurbelwellenbett,
Zylinderplattform
und
Steuergehäuse
in
einem.
Nach
Lösen
von
zwölf
Muttern
kann die
darauf
montierte
Einheit
Kurbeltrieb,
Zylinder,
Zylinderkopf
und
Steuerung
aus dem
Kurbelgehäuse
herausgehoben
werden,
ohne
dass
sich die
Einstellungen
verändern.
Ein
unschätzbarer
Zeitgewinn
an der
Rennstrecke,
eine
Reparatur-
erleichterung
für die
Serie.
|
Kurbelwellenlager
mit
geteiltem
Aussenring
|
Das raffinierte
System verlangt
jedoch
allerhöchste
Präzision bei
der
Teilebearbeitung,
wie schon das
geringe
Zahnflankenspiel
im Primärantrieb
von 0,05 mm
zwischen dem im
Bankett
gelagerten
Kurbelwellenrad
und dem im
Gehäuse
gelagerten
grossen
Primärzahnrad
zeigt. Das
Bankett nimmt
die aus neun
Teilen
zusammengesetzte
Kurbelwelle in
sechs
Lagerböcken auf.
Die Welle selbst
läuft in zwei
Kugel- und vier
Rollenlagern. Um
absoluten
Rundlauf zu
gewährleisten,
werden die
Hauptlagerzapfen
- ähnlich wie
bei Herstellung
einteiliger
Kurbelwellen -
erst nach dem
Zusammenpressen
der neun
Einzelteile
geschliffen und
in käfiglose
Rollenlager mit
geteilten
Aussenringen
gesetzt.
Die Aussenringe
werden einteilig
geschliffen und
dann entlang der
Linie je zweier
Bohrungen
(Sollbruchstellen)
gebrochen, wobei
die feinkörnige
Bruchstruktur
beim
Wiederzusammenbau
einwandfreien
Passsitz
garantiert. Für
die einteiligen
Pleuel sind
Nadellager mit
Alu - Käfigen
vorgesehen. Die
Schmierung der
Hauptlager
erfolgt über
Bohrungen in den
Lagerböcken und
Lageraussenringen,
die der
Pleuellager von
den Hauptlagern
zwei und fünf
aus über
Querbohrungen
und eingedrehte
Ölfangnuten in
den Kurbelwangen
sowie über
Bohrungen in den
einseitig
verschlossenen
Hubzapfen. Das
von den
Pleuelfüssen
abschleudernde
Öl schmiert
Kolben und
Zylinder. Die
geschmiedeten
Kolben
unterscheiden
sich - je nach
Hubraum - nicht
nur im
Durchmesser,
sondern auch
durch den
Hersteller:
Borgo (Italien)
bestückt die
Motoren bis 837
ccm, Mahle
(Deutschland)
die vorwiegend
für den
deutschen Markt
bestimmten
900er, 1000er
und 1100er
Motoren. Bis
einschliesslich
892ccm laufen
die Kolben in
Leichtmetall -
Einzylindern mit
Schleudergussbüchsen.
Die 1000er
Corona hat,
Leichtmetall -
Doppelzylinder
mit
Schleudergussbüchsen
und die 1100er
Grand Prix einen
mit dem Bankett
einteilig
gegossenen
Leichtmetall -
Zylinderblock
mit Nikasil-
beschichtung.
Die
Zusammenfassung
von Einzylindern
zu
Doppelzylindern
oder einem
Viererblock bei
grösserer
Bohrung und
gleichgebliebenen
Zylinderabständen
nivilliert den
Verlust an
Dichtfläche und
neutralisiert
die
Hammerwirkung
der Einzylinder
durch die auf-
und
niedergehenden
Kolben am
Zylinderkopf.
Zwischen den
Zylindern zwei
und drei führt
der am Bankett
angegossene
Schacht für den
Zahnradantrieb
der Nockenwellen
nach oben. Drei
der sechs
geradeverzahnten
Räder - die
Zwischenräder
zwischen
Kurbelwellenrad
und
Nockenwellenrädern
- sind in einem
Steuerturm aus
Grauguss
gelagert.
Nockenwellen
mit
Zahnradantrieb
|
Dieser
Turm,
unten
mit dem
Bankett
verschraubt
und oben
im
Zylinderkopf
über
eine
Messingbüchse
gleitend
abgestützt,
überbrückt
den
Wärmeverlust
in den
angrenzenden
Aluminiumteilen
so
perfekt,
dass die
spielfrei
montierten
Zwischenräder
auch bei
höchsten
Temperaturen
ebenfalls
nahezu
spielfrei
ineinandergreifen.
Spiel,
und zwar
über
Ausgleichscheiben
sowie
verschieden
dicke
Zylinderfuss-
und
Zylinderkopfdichtungen,
bekommen
nur das
Kurbelwellenrad
gegen
das
untere
Zwischenrad
und die
beiden
Nockenwellenräder
gegen
das
obere
Zwischenrad.
|
Steuerteile
wie aus
dem
Rennmotor
|
Steuerturm
mit drei
Zwischenrädern
|
Hier lassen sich
Übergänge von
Grauguss auf
Leichtmetall
nicht vermeiden.
Die
Zwischenräder
laufen auf
Präzisionskugellagern,
sind gepaart und
können einzeln
nicht ersetzt
werden. Der
Doppelnockenwellen
- Zylinderkopf
hat
halbkugelförmige
Brennräume mit
umlaufender
Quetschkante und
zwei um je 50
Grad zur
Zylinderachse
geneigte Ventile
pro Zylinder.
Die nahe
liegende Frage
nach einem
Vierventiler
beantwortete der
von 1973 bis
1976 für MV
Agusta tätige
ehemalige
Ferrari -
Konstrukteur
Bocchi damit,
dass beim MV -
Motor unter
1200/min. (die
er nie erreicht)
keine Vorteile
zu erwarten
seien. Darüber
hinaus hatten
sich die
Brennraumverhältnisse
als so günstig
erwiesen, dass
keine der
durchweg
hochverdichteten
Hubraumvarianten
je auf bleiarmen
Kraftstoff
umgestellt
werden musste.
Die Steuerteile
im Kopf
entsprechen
bewährter MV -
Renntechnik:
Spezialventile
und -federn,
Stahl -
Ventilsitze,
dünnwandige und
je nach Typ mehr
oder weniger
erleichterte
Tassenstössel,
paarweise
zusammen-
gefasste
Grauguss -
Stösselführungen
und aus dem
vollen
gearbeitete,
nadel- und
kugelgelagerte
Stahl-
Nockenwellen.
Wie mit
Kurbelwellen von
56, 58 und 62
Millimetern Hub,
dazu Kolben und
Zylinder von 65
bis 74
Millimetern
Durchmesser oder
Bohrung stehen
dem Kunden mit
unterschiedlichen
Ventilgrössen,
und Vergaser-
und
Auspuffbestückungen
auch
nachträglich
noch fast alle
Kombinationsmöglichkeiten
offen. Zusammen
mit dem
mächtigen
Zylinderkopf im
typischen MV -
Renndesign, dem
Bankett mit
aufgesetzten
oder
mitgegossenen
Zylindern, prägt
das selbst noch
für den 1100er
Motor riesige
Ölreservoir im
einteiligen
Kurbel -
Getriebegehäuse
die äussere Form
des imposanten
Triebwerks. Fünf
Liter Oel aus
stark verrippter
Wanne pulsieren
zur Schmierung
und Innenkühlung
durch Motor und
Getriebe.
Ausserdem
absorbiert das
grosse
Gehäusevolumen
die
Druckschwankungen
der arbeitenden
Maschine so
weit, das kein
besonderer
Entlüfter
erforderlich
ist.
Einteiliges
Sandguss-Kurbel/Getriebegehäuse
|
Das
Gehäuse
ist in
Sandguss
hergestellt,
wird zur
einwand-freien
Abdichtung
innen
lackiert
und hat
gegen
Oelplanschen
zwischen
Kurbelwelle
und
Wanne
einen
doppelten
Boden.
Das Oel
fliesst
durch
Fenster
und die
Oeffnung
führt
den
Primärantrieb
zurück.
Der
Primärantrieb
führt
von der
schrägverzahnten
inneren
Kurbelwange
des
linken
äusseren
Zylinders
zum
grossen
Primärzahnrad
auf der
Getriebehauptwelle.
Aussen
trägt
dieses
Zahnrad
den Korb
der
Mehrscheiben-Nass-kupplung,
Innen
den
Antrieb
der
Zahnrad-Oelpumpe.
|
|
Von
dieser
Pumpe
aus wird
nur die
Motor-Baugruppe
über das
interne
Leitungs-
und
Bohrungs-system
versorgt.
Das
klauenge-schaltete
Fünfganggetriebe
liegt
dagegen
direkt
im
Strahl
des
Ueberdruckventils,
das
schon
bei
Leerlaufdrehzahl
anspricht.
Letztes
Glied in
der
Transmission
innerhalb
des
Motorblocks
ist der
vordere
Winkeltrieb
des
Kardanantriebs.
Der
spiralverzahnte
Kegelrad-satz
(15/16
Zähne)
ist seit
Einführung
eines
neuen
Vierpunktlagers
bei den
Modellen
ab 789
ccm
völlig
un-problematisch.
|
Primärantrieb,
Fünfganggetriebe
und
Winkeltrieb
mit
Kardanflansch
|
MV Agusta
lieferte seit
1966 weltweit
1250
Vierzylinder
aus, davon 550
vom Typ 750 S
und den Rest von
den grösseren
Modellen. MV
Agusta-Deutschland
impor-tierte
seit 1970
jährlich
zwischen 30 und
60 Vierzylinder.
Zur Zeit sind in
der
Bundesrepublik
etwa 400 750er,
800er und 900er
zugelassen. Die
Maschinen mit
837, 954 und
1066 ccm sind
eher als
Prototypen
anzusprechen.
Sie entstehen in
Kleinserien von
maximal zehn
Exemplaren, die
in Baden-Baden
nachträglich
auf-gestockten
mitgerechnet.
Bleibt MV Agusta
dem aufwendigen
Konzept noch
lange treu?
Schon vor Jahren
sollte ein
wesentlich
produktionsfreundlicherer
Gleitlager-motor
mit
Zahnriemenantrieb
der Nockenwellen
das
uhrwerksgleiche,
wenn auch
technisch
keineswegs
veraltete
Rassetriebwerk
ablösen. Doch
was wäre eine MV
ohne die
Vielzahl ihrer
Präzisionsteile?
Text: Ulrich
Schwab
Motorrad 14/1979
(erschienen am
11.7.1979)
Fahrbericht MV
Agusta 500/350
ein bericht aus
dem Jahre 9/1987
Lautstark
Der Klang macht
die MV Agusta -
Rennmaschinen
bei den Fans zur
Legende. Die
Leistung machte
MV zum Traum
aller Piloten.
MOTORRAD -
Redakteur
Wolfgang Schnepf
fühlte beidem
nach.
Geduckt wie ein
Panter sitzt der
Pilot, zierlich
wie eine Katze
ist sie gebaut:
Die MV Agusta -
Rennmaschine ist
ein Kleinod mit
1375 mm Radstand
und 135 kg
Gewicht
Nach einer
halben Stunde
auf der
vierzylindrigen
500-cm³-MV
Agusta -
Rennmaschine von
Giacomo Agostini
steht für mich
fest, dass Ago
heute hochgradig
schwerhörig sein
muss. Denn das,
was sich unter
dem Helm an
infernalischem
Lärm abspielt,
ist wohl selbst
mit mehreren
Schichten Oropax
nicht auf ein
unkritisches
Niveau zu
bringen.
Doch obwohl die
Trommelfelle
beim Schliessen
der Gasschieber
an die Grenze
der
Belastbarkeit
kommen,
verkneife ich
mir den Gedanken
an die
schmerzlindernde
Wirkung von
Ohrenstöpseln.
Schliesslich hat
man nicht oft im
Leben die
Chance, auf
einer so
herrlichen
Rennmaschine mit
so legendärem
Sound zu sitzen.
Die 500er drehte
15 500/min, die
350er bis hinauf
zu 17 000/min:
Mit vier
Ventilen,
Zahnradgetriebenen
Nockenwellen und
filigranen
Ventilen waren
die MV
Wunderwerke der
Technik.
Dass sich
überhaupt die
Gelegenheit dazu
ergab, grenzt an
ein Wunder.
Schliesslich
stand der
Nachlass des
verbliebenen MV
Agusta -
Rennstalls seit
1976 nutzlos im
Keller des
inzwischen
staatlich
dirigierten
Hubschrauberwerks
der Gruppo
Agusta herum.
Für den
schwerreichen
Italo -
Amerikaner
Roberto Ianucci,
der in den USA
neben einer
Anwaltpraxis den
grössten
Veteranenrennstall
"Obsolete"
betreibt, war es
eine nationale
Schande, die
grandiose
Rennsportgeschichte
des
italienischen
Flugzeugherstellers
nutzlos
verstauben zu
sehen.
Im August 1986
war es endlich
soweit: In
finanzielle
Schwierigkeiten
gekommen,
schrieb die
Führungsspitze
des Konzerns den
Verkauf des
Rennstalls aus.
Ianucci bot mit
und köderte die
Firma mit der
Idee, die alten
MV bei
Veteranenrennen
einzusetzen, den
Standort jedoch
in Italien zu
belassen.
Ehemalige MV
Agusta - Helden
wie John Surtees,
Phil Read,
Gianfranco
Bonera und
Giacomo Agostini
sollen das
Publikum wider
zum
faszinierenden
MV-Geräusch
verwöhnen.
Die Lautstärke
der kleinen
Vierventiler,
deren
Ventilschäfte
mit vier
Millimetern
Durchmesser kaum
stärker als
Kugelschreiberminen,
liegt über
Formel
1-Niveau. Kein
Wunder, denn
hinter den
Auslassventilen
herrscht eine
1440 Millimeter
lange gähnende
Leere, die am
Ende des
kunstvoll
geschwungenen
Trichters eine
lichte Weite von
79 Millimetern
aufweist. Nicht
ein Fussel
Geräuschdämpfende
Stahlwolle ist
darin zu finden.
Welche
Klangfrequenzen
die vier
getrennten Rohre
in die Welt
hinauswirbeln,
wird rasch
anschaulich,
wenn man das
Drehzahlniveau
der Maschinen
betrachtet.
Während die 102
PS starke 500er
ihre
Maximalleistung
bei 14 800/min
erreicht, legt
die 350er noch
einmal 1000/min
drauf.
Technische
Daten*
Motor
Luftgekühlter
Vierzylinder -
Viertaktmotor
dohc, je vier
Ventile, Hubraum
499 (349)cm³,
Bohrung x Hub 57
x 49 ( 53 x 39,5
) mm,
Verdichtung 11 (
11,4 ), Leistung
102 PS bei
14 800/min ( 80
PS bei 15
800/min).
Fahrwerk
Stahlrohrrahmen,
unten offen,
Radstand
1375 ( 1310 )
mm, Federweg
vorn 110 mm,
Standrohrdurchmesser
35 ( 32 ) mm,
Brems-
scheibendurchmesser
254 vorn ( 245 )
mm.
Gewicht
( trocken ) 135
( 128 ) kg
Höchstgeschwindigkeit
je nach
Übersetzung bis
280 ( 260 ) km/h
* Werte für
350er cm³ in
Klammern
Ruggero Mazza,
der 18 Jahre als
Chefmechaniker
in den Dienst
von MV stand,
erinnert sich
aber noch an ein
paar Umdrehungen
mehr: "im Rennen
durfte der
Schaltpunkt der
500er bei 15
500/min liegen,
bei der 80 PS
starken 350er
sogar bei 17
000/min."
Das sind nicht
weniger als 567
Zündungen pro
Sekunde. Keine
Überraschung
also, dass sich
das Grollen der
MV bei hohen
Drehzahlen zu
einem
unglaublichen,
fast
zweitaktähnlichen
Kreischen
entwickelte.
Aber nicht nur
vom Geräusch her
haben die alten
Rennmaschinen
etwas zu bieten.
Sie sind auch
optische
Leckerbissen,
zählen in Form
und Farbe zu den
schönsten
Motorrädern, die
je gebaut
wurden. Mit
einem Radstand
von 1375
Millimetern
(1310mm bei
der 350er) und
einer Sitzhöhe
von nur 71
Zentimetern
wirkt
die 500er wie
eine heutige
250er.
Was das schmucke
Äussere
verspricht, hält
auch die
Technik.
Fast ohne jede
Eingewöhnung
lässt sich die
MV selbst auf
einem holprigen
Kurs wie dem "Autodromo
Riccardo
Paletti",
40 Kilometer
südlich von
Parma gelegen,
perfekt
dirigieren.
Da stimmt
einfach alles.
Der Motor der
500er zieht ab
6000/min bullig
durch, lässt bis
15 000/min keine
Schwächeperiode
erkennen und
hängt mit seiner
minimalen
Schwungmasse
fantastisch
direkt am Gas.
Die
Leistungsentfaltung
vollzieht sich
dabei ohne jeden
unangenehmen
Sprung.
Der kleine
Vierzylinder (
Hub x Bohrung 49
x 57 Millimeter)
legt genauso
gleichmässig an
Leistung zu, wie
man das
heutzutage von
einer braven
750er -
Serienmaschine
kennt. Nur ganz
leichte
Vibrationen
dringen bis zum
Fahrer durch.
Genauso perfekt
und leichtgängig
zeigt sich auch
das sechsgängige
Getriebe.
Lediglich die
rechts liegende
Schalteinheit
mit umgekehrtem
Schaltschema (
erster Gang
oben) erfordert
zu Anfang etwas
Konzentration.
Obwohl die
Siebenscheiben -
Trockenkupplung
sich mit einem
Durchmesser von
nur 125
Millimeter
begnügt, wird
sie mit den
gebotenen
Belastungen
mühelos fertig.
Eine
Eigenschaft, die
auch die
Bremsanlage
auszeichnet,
obwohl sie für
heutige
Verhältnisse
total
unterdimensioniert wirkt.
Während aktuelle
Rennmaschinen
bis über 320
Millimeter
grosse
Bremsscheiben
besitzen, sind
die
beschichteten
Aluminiumscheiben
der MV Agusta
mit 254 mm so
gross, wie bei
heutigen
Geländemaschinen.Obwohl
die
Halblitermaschine
mit 135
Kilogramm
Trockengewicht
nicht gerade ein
Leichtgewicht
ist, kommt die
MV auch nach
scharfen
Bremsmanövern
auf dem
winkligen,
vielfach
ausgebesserten
Testkurs nie ins
Fading.
Auch die Ceriani
- Federelemente
sind vorzüglich.
Sowohl die dünne
Vorderradgabel (
35 mm
Standrohrdurchmesser
) als auch die
beiden hinteren
Federbeine
sprechen
sagenhaft
sensibel an.
Selbst kleinste
Bodenunebenheiten
werden völlig
unitalienisch
weich
weggebügelt.
Schmucke
Silhouette,
lochfreie
Leistungsentfaltung,
überragende
Handlichkeit und
enorme
Fahrstabilität
trotz dünner
Rahmenrohre: Die
MV Agusta ist
rundum perfekt.
Das sensible
Ansprechen sorgt
auch auf rauem
Untergrund für
exzellente
Bodenhaftung.
Egal, was kommt,
die MV liegt
völlig
unbeeindruckt
und kommt selbst
in schnellen
Rechts - links -
Kombinationen,
die im
Scheitelpunkt
mit kräftigen
Bodenwellen
gespickt sind,
nicht ins
Trudeln. Dank
ihres tiefen
Schwerpunkts
lässt sich die
extrem zielgenau
dirigierbare MV
blitzschnell und
mühelos in
Schräglage
bringen.
Hierin scheint
das Geheimnis
der jahrelangen
Überlegenheit
der
italienischen
Maschinen zu
liegen:
In sich völlig
harmonisch,
lassen sie sich
unter allen
Bedingungen
absolut
stressfrei
handhaben.
Der Fahrer kann
sich voll auf
die Strecke
konzentrieren.
Selbst heute,
über zehn Jahre
später, fällt es
schwer, ein
ähnlich gut
austariertes
Motorrad auf dem
Markt zu finden.
Das zweite
Fundament für
die vielen MV -
Erfolge war die
unbedingte
Zuverlässigkeit.
An die Gründe
dafür erinnert
sich der heute
66jährige Mazza
noch genau,
unter dessen
Regie die MV
auch jetzt im
amerikanischen
Obsolete - Team
betreut werden:
" Wir trieben
auf diesem
Sektor einen
erheblichen
Aufwand. Nach
jedem Rennen
wurden die
Motoren
vollständig
zerlegt. Alle
wichtigen Teile
wurden in
unserem
Flugzeugwerk
geröntgt,
vermessen und
begutachtet.
Alle 600
Rennkilometer
wurde das
Getriebe und die
Wälzgelagerte
Kurbelwelle samt
ihrer
Stahlpleuel
erneuert, die
geschmiedeten
Kolben kamen
grundsätzlich
nach acht
Stunden auf den
Müll."
Beide Triebwerke
sind identisch
aufgebaut und
besitzen eine
leicht nach vorn
geneigte
Zylinderbank.
Die in geteilte
Wälzlagern
geführten
Nockenwellen
liegen sehr eng
zusammen und
werden in
klassischer
Rennmanier über
Zahnräder
angetrieben.
Einlassseitig
beträgt der
Ventilwinkel 20
Grad, auf der
Auslassseite 15
Grad.
Typisch
italienisch
präsentiert sich
auch der Rest
des Motors. Das
aus Magnesium
gegossene
Kurbelgehäuse
ist eigentlich
nichts weiter,
als eine riesig
lange Ölwanne (
53 cm ) mit
integriertem
Getriebe. Die
Kurbelwelle
selbst ist
direkt in einer
Lagergasse
geführt, die am
unteren Ende des
Zylinder- blocks
angegossen ist.
Das ergibt eine
stabile
Kurbel-triebseinheit.
Während der aus
25mm dicken
Rohren
bestehende
Rahmen leicht
unterdimensioniert
erscheint, ist
die aus Stahl-
blech gefertigte
Hinterrad-
schwinge solide
dimensioniert.
Exzessive
Gewichtsersparnis
war in den 70er
Jahren
anscheinend noch
kein Thema. Denn
von vorn bis
hinten findet
sich an den
ehemaligen
Werks-rennern
nicht eine
Aluminium- oder
Titanschraube.
Selbst im Motor,
so Ruggero Mazza,
ist nirgends
Titan verbaut.
Auch beim
Verkleidungsbau
wurde nicht mit
Gewicht gegeizt.
Über 3 kg bringt
die
Glasfaserschale
auf die Waage.
Heutige
Renn-verkleidungen
kommen dank
Kohlefaserlaminaten
oft nicht einmal
auf 1 kg.
Trotzdem war die
MV bis zum
Rückzug des
Rennstalls im
Jahre 1976 das
perfekteste
Rennmotorrad,
das damals auf
Titeljagd ging.
Und das schönste
obendrein.
Und der Sound:
Seit mir die
Ohren nicht mehr
klingeln, denke
ich an das
Brüllen wie an
ein gutes
Konzert zurück.
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